Ein libertäres Programm am Beispiel Portugals

Vorerst ein paar Erläuterungen für jene, die die Geduld aufbringen, den vorliegenden Text zu lesen. Tatsächlich ist es ja für Anarchisten ungewöhnlich, in der öffentlichkeit mit „Programmen” aufzutreten, die einem auf den ersten Blick an Wahlprogramme der Parteien erinnern, von deren Forderungen und Versprechungen jeder weiß, daß sie dann bald in Vergessenheit geraten, wenn deren Verfasser ans Ruder gelangen.

Nein! Hier wird etwas gänzlich anderes beabsichtigt. Wie bekannt ist, haben die Anarchisten nicht vor, die übel der jetzigen Gesellschaft mittels einer eventuellen Beteiligung an der Staatsführung zu beheben. Obschon von den besten Absichten geleitet, würden sie dabei nicht mehr oder besseres leisten als alle übrigen - einige sogar mit Illusionen und guten Vorstellungen. Sie gehören nicht zu den Leuten, die „schlechte” Regierungen bestreiten - aber auch keine „guten” . Das ist nämlich das Prinzip einer Gesellschaftsordnung, die wie eine Pyramide von oben nach unten strukturiert ist, die immerzu Ungleichheit, Unfrieden und Unterdrückung erzeugt.

Dieses Programm ist also, simpel gesagt, eine Beispielstudie, die aufzeigt, was möglich ist, hier und jetzt, wenn die Menschen - ein jeder von uns - es nur so wollen.

In einem gewissen Sinn ist das Unterfangen jedoch utopisch, da es bewußt die realen Interessen, die in der Gesellschaft existieren und sich einer „Revolution” widersetzen, unbeachtet läßt, ebenso die Existenz gefügigmachender und unterdrückerischer Mechanismen, die das Volk - einer so gearteten Wandlung - negativ gegenübertreten läßt.

Das Programm gibt aber denjenigen eine Art von Antwort, die Anarchisten für Träumer halten, die unfähig wären auch nur irgendein Projekt sozialer Veränderung zu verwirklichen. Gerade dieses Programm versucht, auf Portugal bezogen und auf heute verfügbare Mittel und Wege, mit wirklichen Institutionen und Menschen, sogar unter Berücksichtigung äußerer „Sachzwänge", die nun einmal da sind und nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden,konkrete Anhaltspunkte zu liefern.

Wir betonen nochmals den exemplifikatorischen Charakter des Programms. Wir sprechen einerseits vor allem die uns zweifelsfrei am wichtigsten scheinenden Aspekte im sozialen Wandel an, andererseits ist in vielen Fällen die vorgeschlagene Lösung lediglich eine Variante unter diversen anderen Möglichkeiten. Wenn es sich also nicht um Versprechungen handelt, so schon gar nicht um ein „Rezeptbuch” oder eine „Anleitung", die ausreicht, um „Zukunftskuchen” zu backen. So gesehen wurde das Programm nicht entworfen, um eine Art Sozialprojekt in unserem (oder des Lesers) Viertel oder gar in der verfassungsgebenden Versammlung aufzuziehen beabsichtigen, sondern sehr konkret, als ob wir in jeglicher Fabrik, an irgendeinem Verwaltungsposten, in einer Schule oder einem Krankenhaus zusammen mit den Kollegen adäquate Problemlösungen zu finden gezwungen wären.

Wir nennen diesen Text: „Ein libertäres Programm”. Das ist kein Zufall. Zum ersten, weil es kollektiv durch die Zeitschriftenredaktion entworfen wurde, die kein Verlangen danach hegt, im Namen anderer zu sprechen. Zum zweiten - da dieser Text veröffentlicht wird- ist diese Initiative relativ kühn unter Anarchisten, wo an manchmal unbequeme Aufgaben lieber mit ungezügelter Spontaneität herangegangen wird, als mittels profunder Analyse und der Gegenüberstellung ideologischer Grundsätze, deren Realitätsbezug oft recht gering ist.

Der Typus Gesellschaft,den dieses Programm anpeilt - die Puristen werden aufatmen - ist nicht Anarchie, ja nicht einmal eine Abart des libertären Kommunismus. Sie atmet jedoch den Geist der „voranarchischen Gemeinschaft” des Randolfo VELLA oder des „libertären Programms” von Paul GOODMAN (1931 und 1946 verfasst).

Es ist also ein programmatischer Ansatz eines sozialistisch- libertären Weges, der fernab von Ansprüchen wie „das größtmögliche Glück für jeden Menschen” bestrebt ist, die Grundbedingungen und eine Dynamik der Autonomie zu schaffen, von denen weitere Entwicklungen ausgehen können. Beispielhaft und in Anstößen folgen wir den Ansichten Goodmans und eines Colin WARD, die die Illusion einer konfliktfreien Gesellschaftsordnung kritisieren. In der in unserem Programm entworfenen Ordnung wird die Existenz von Konflikten nicht geleugnet, oder die Möglichkeit des Vorhandenseins gegenläufiger Interessen. Zwei wesentliche Punkte markieren jedoch den Unterschied: Es existiert keine „übergeordnete Instanz” mehr, oder jemand, der „das Recht auf seiner Seite” hat, imstande, seinen Willen oder seinen Einfluß zum Vorteil des einen oder anderen Konfliktpartners auszuspielen; und die gängige Praxis von Verhandlungen und übereinkünften würde die Uneinigen zu Verständnis und Konsens „verdammen”.

Vielleichht könnte man in dieser Art von Vertragsregelung Spuren der charakteristischen reformerischen Ansichten eines PROUDHON, eines KROPOTKIN oder eines Gaston LEVAL entdecken. Trotzdem weisen wir die Anschuldigung des „Reformismus” zurück, die einige als bloß vorurteilsbeladene Reaktion vorbringen könnten. Diesen möchten wir vorher eine grundlegende Debatte über die Meinungsverschiedenheiten vorschlagen.

Tatsächlich glauben wir aber, daß die Ideologiedebatte „Reform versus Revolution", wenn schon nicht gänzlich irrelevant, so doch zunehmend uninteressanter wird und in den spätkapitalistischen Gesellschaften ein Scheinproblem darstellt. Mit Colin WARD wollen wir derart eingreifen, daß die autonome Sphäre der Individuen und Gruppen erweitert werden kann und es scheint die Form dieser Veränderungen (Reform oder Revolution) von geringerer Wichtigkeit zu sein, da sie außerdem von strukturellen Informationen über die Reaktion auf soziale Bewegungen, die die Veränderungen transportieren, abhängen.

Ein Wort noch über die hier eingenommenen ökonomischen Positionen. Wir glauben, ausgehend von den Idealtypen von Marktwirtschaft auf der einen und Planwirtschaft auf der anderen Seite, die selbst in reiner Form nicht existieren, daß sie ungeachtet ihrer unterschiedlichen „Logik” in der einen oder anderen Form als gemischte ökonomie real vorkommen. Alle existenten ökonomien sind ab einer gewissen Stufe der Entwicklung gemischte ökonomien.Unter Abwägung all der Willkürlichkeit, die in dieser Position drinnensteckt, setzen auch wir auf einen ökonomischen Mischtyp, der die prinzipiellen Mechanismen ”konomischer Freiheit (Presse, andel, etc.) als Regulativ des ökonomischen Systems beibehält. Wir werden diese Position in der Arbeit rechtfertigen, etwa wo Fragen aus der Proudhon’schen Analyse aufgeworfen werden wie die These, die besagt, daß jegliche Planwirtschaft ein diktatorisches politisches System zur Folge hat.

Schließlich noch eine Anregung: Ebenso wie, angesichts der Notwendigkeit unsere Grundsätze und Werte auch zu konkretisieren, die Menschen in der Redaktion dieser Zeitschrift diskutieren, vergleichen, Konzepte formulieren und revidieren muáten, scheint uns der vorliegende Text mit all seinen Schwächen und Fehlern dafür geeignet zu sein, Polemiken, Divergenzen und Gegenpositionen aus der Reserve zu locken; Rechtfertigungen und Erklärungen der Konzepte; Konkretisierung der generellen Ziele und einen logischen Aufbau in Zwischenschritten; schließlich Artikulationsprobleme im allgemeinen und im speziellen - vor allem in libertären Kreisen (vor allem aber nicht nur in Portugal) , und zwar gerade in jenen Kreisen, die - ohne „etikettieren” zu wollen - fundamental dem Ideal der Befreiung und Autonomie nachzuleben versuchen.

Wenn dieses Ergebnis erzielt würde, wenn die Lektüre dieses Heftchens imstande wäre wichtige Fragen anzureißen - eher als sie zu beantworten - erachten wir unsere aufwendigen Bemühungen als erfolgreich. Außerdem wäre es ein Signal mehr für die unvermeidliche Modernisierung libertären Denkens.

Die Redaktion der „A Ideia”